Eine Villa, oder einfach nur ein schönes Haus?
Ich wundere mich immer wieder, was in den Immobilienangeboten, besonders hier bei uns im Raum Stuttgart, so alles als „Villa“ bezeichnet wird. Man könnte überspitzt sagen, dass schon fast jedes Haus auf einem großen Grundstück (manchmal auch nur ein kleiner Grünstreifen!) mittlerweile eine Villa ist.
Das Retro-Haus als Villenanwesen

Jetzt ist es nur noch ein altes Haus, möglicherweise auch noch mit Eternit und Asbest belastet, welches man eigentlich abreißen sollte, wäre da nicht das Problem mit der Entsorgung!
Einfamilien-, Doppel-, Zweifamilien-, Mehrfamilienhaus = Villa
Oder auch das neuwertige moderne etwas größere Einfamilienhaus. Sobald das Gebäude und/oder das Grundstück nur groß genug ist – wird aus dem Haus fast automatisch eine Villa, oder ein ganzes Villenanwesen. Wen interessiert es da schon, ob es im klassischen Sinn nur ein 2-, 3- oder 4-Familienhaus aus den Sechzigern ist?
Interessanter Weise gibt es in Stuttgart die „Villa“ auch als Doppelhaushälfte, oder einseitig angebaut – wie man das neuerdings nennt. Darüber muss ich echt schmunzeln.
Die Villa – ein Verkaufsschlager?
Richtig erstaunt war ich letztens aber, als ich von einer „Etagenvilla“ gelesen habe. Das ist mal etwas ganz Neues. Eine Wohnung, das war mir schon klar.
Nur was ist wohl das Besondere daran? Wie wird aus einer Wohnung eine Etagenvilla?
Eine Erklärung erhielt ich beim Lesen des Exposé. Kurz gesagt, bei der Etagenvilla handelte es sich um eine ca. 200 qm große Wohnung mit Panoramafenstern in einem „architektonisch wertvollen“ Betonbau aus den 60ern. Ich verstehe das mit der „Etagenvilla“ zwar nach wie vor nicht so ganz, aber … man muss auch nicht alles verstehen!
Gibt es tatsächlich so viele Villen in Stuttgart?
Wenn es um die Villa geht, werden viele Verkäufer wirklich sehr kreativ. Ich bin erstaunt, wie viele so genannte Villen in Stuttgart derzeit angeboten werden.
Ist es wirklich so, dass man mit solch einer Anzeige mehr Erfolg beim Verkauf hat? Oder ist man als Interessent eher genervt über die „Villen“ die gar keine sind?
Nun ich denke, dass es den Verkauf von Häusern sicherlich puscht. Jeder möchte doch gerne in einer Villa wohnen, oder nicht?
Der Trend – vom Haus zur Villa – Sinn oder Unsinn?
Aber diejenigen, die tatsächlich nach einer richtigen Villa suchen, bereit sind viel Geld zu investieren und ein geeignetes Anwesen erwerben wollen, die möchten dann doch sicher auch Angebote „richtiger Villen“. Nicht einfach ein großes Haus mit großem Grundstück. Sondern das Besondere, das Außergewöhnliche!
Ich finde den Trend, alles zu einer Villa zu machen, mittlerweile echt überzogen, aber es hat mich auch dazu angeregt, einmal ernsthaft darüber nachzudenken.
Was ist eigentlich eine „richtige Villa“?
Die Villa war ursprünglich ein herrschaftlicher Landsitz, ein repräsentatives Anwesen der reichen herrschenden Oberschicht.
Die klassische historische Villa
Von der Antike bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts verstand man unter einer Villa ein herrschaftliches Gebäude von herausragender Architektur und überschwänglichem Luxus, traumhaften Gärten und Parkanlagen. Die geschwungene lange und breite Zufahrt die in einem Rondell vor dem Haupteingang des Hauses endete, die malerischen Türmchen und Erker, die bodentiefen Fensterfronten, Veranden und offenen Balkone – all das gehörte selbstverständlich zur klassischen Villa.
Die Villa im Wandel – klassisch modern
Anfang des 20. Jahrhunderts veränderte sich dann der Baustil. Von den interessanten Gründerzeit- und Jugendstilgebäuden, meist als Stadtvillen gebaut, ging es ab 1920 hin zur klassischen Moderne. Bauhaus-Architektur, organische Architektur und Heimatschutzstil nannte man die damals neuartigen Baustile, die sich bis weit in die 60er Jahre zogen.
Es entstanden einfachere schlichte Häuser mit geradliniger klarer Architektur anstelle der Prunkbauten. Diese neuen Villen waren ungewöhnlich in Form und Material.
Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts entdeckte man dann die Schönheit der historischen Villa wieder. Es entstand ein richtiger Renovierungswahn und die herrschaftlichen Villen erblühten wieder zu voller Pracht.
Und im 21. Jahrhundert – wie sieht die Villa von heute aus?
Für mich ist die Villa – egal welcher Baustil, ob historisch oder modern, prunkvoll oder extravagant, immer noch ein herrschaftliches Anwesen. Dazu gehören in meiner Vorstellung nach wie vor eine herausragende Architektur des Haupthauses, verschiedene kleinere Nebengebäude, alles in einer gewissen Größe und mit besonderem Stil, weitläufige Parkanlagen und eine lange Zufahrt zum Haupthaus.
Oder aber die Stadtvilla – ein repräsentatives Gebäude, stilvoll erbaut, mit eigenem Charakter und höchst exklusiv in der Ausstattung. Luxuriöses Wohnen mit allen Annehmlichkeiten – mitten in der Stadt.
So stelle ich mir eine Villa oder ein Villenanwesen vor. Alles andere ist für mich einfach nur ein Haus.
Man sollte doch mal wieder etwas bodenständiger werden und ein schönes Haus eben ein schönes Haus sein lassen und aus einem großen Grundstück nicht gleich eine Parkanlage machen. Es muss nicht immer die Villa sein.
Ich selbst bin in einem Haus auf einem 1000 qm großen Grundstück aufgewachsen und finde das wunderbar. Wohlgemerkt, ein schönes Haus, keine Villa.
Soll ich mich jetzt schämen, weil es nur ein Haus ist in dem ich früher gelebt habe, oder lieber behaupten ich sei in einer Villa aufgewachsen? Wie sagt man das heute? Ist es eine Villa, oder einfach ein schönes Haus?
Tja, das ist die Frage!
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